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"Wir müssen als Gesellschaft zusammenstehen": Bürgermeister André Dora zum Volkstrauertag 2020
Das Bild zeigt Bürgermeister André Dora, zusammen mit dem Ortsbeauftragten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dem Beigeordneten Dirk Franke, am Ehrenmal.

15.11.2020 - Anlässlich des heutigen Volkstrauertages hat Bürgermeister André Dora zusammen mit dem Ortsbeauftragten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dem Beigeordneten Dirk Franke, zwei Kränze am Ehrenmal niedergelegt. Aufgrund der Corona-Beschränkungen fand keine öffentliche Veranstaltung wie in den Jahren zuvor statt. Dennoch möchte der Bürgermeister ein paar Worte an Sie richten.

Das Bild zeigt Bürgermeister André Dora und den Ortsbeauftragten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, den Beigeordneten Dirk Franke, am Ehrenmal an der Castroper Straße. Foto: Norbert Schmitz

Sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

dieses Virus, über das alle sprechen, hat dafür gesorgt, dass auch die Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges nicht stattfinden konnten. Dasselbe Virus ist dafür verantwortlich, dass der Volkstrauertag in diesem Jahr ohne Publikum stattfindet. Dennoch möchte ich ein paar Worte zu diesem wichtigen Tag sagen, der uns immer wieder daran erinnern soll, welches Leid und welches Elend jeder Krieg mit sich bringt.

Normalität – das ist das, wonach sich viele Menschen in diesen Zeiten sehnen. Sie möchten die Geißel Corona loswerden, würden ihr am liebsten entfliehen. Ich kann das gut verstehen. Es sind keine einfachen Zeiten in diesen Tagen. Und auch keine besonders schönen. Seit März herrscht quasi ein Ausnahmezustand, der durch den erneuten Lockdown Anfang November in seiner Dimension eher noch gewachsen ist.

Derweil liegen die schönen Dinge auf Eis, die wir tun könnten: das Ausgehen, das Tanzen, das Essengehen, das Konzerterlebnis, der Kinobesuch. Wir können nur hoffen, dass wir diese Kultur und Vergnügen bald wieder genießen können.

Den meisten mangelt es an kaum etwas, wenn sie nicht gerade zu den Unternehmern gehören, die hart vom aktuellen Lockdown betroffen sind. Die große Mehrheit in Deutschland hat zu essen, zu trinken, hat Zerstreuung durch unterschiedlichste Medien und lässt sich mit ein paar Klicks die neueste Technik ins heimische Wohnzimmer liefern. So schön – so gut.

Unsere Großväter und Großmütter, unsere Mütter und Väter haben sich auch nach Normalität gesehnt. In einem Krieg, den Deutschland selbst verschuldet hatte. „Aber das waren ganz andere Zeiten“ werden Sie jetzt vielleicht denken. Richtig, das waren andere Zeiten. Das waren harte Zeiten. Tage, an denen viele Menschen Todesangst hatten, weil ihr Haus von einer Bombe getroffen werden konnte. Weil sie nicht wussten, ob sie bei einem Fliegeralarm den rettenden Bunker erreichen werden.

Seit einem Dreivierteljahrhundert gab es im weit überwiegenden Teil von Europa keine kriegerischen Auseinandersetzungen mehr. Ich bin sehr dankbar dafür, dass die Bürgerinnen und Bürger Dattelns und Deutschlands den Krieg nur aus Büchern, Filmen oder Erzählungen kennen. Auch dass es uns gut geht. Dass es den meisten gut geht – trotz Corona.

Je besser es uns geht, umso mehr muss wohl daran erinnert werden, dass das nicht selbstverständlich ist. Dass keine Normalität der Welt selbstverständlich ist.

Wir leben in einem Zeitalter der Individualisierung. Noch nie gab es so viel Wohlstand, noch nie konnten wir uns so viel leisten. Wir müssen keine Rücksicht mehr nehmen auf den anderen, wir können unserem individuellen Wohl folgen.

Das hört sich gut an.

Ist aber eine Einbahnstraße.

Denn letztlich sind wir alle miteinander verbunden. Wie schnell sich Veränderungen in einem System auswirken können, merken wir meist leider erst, wenn es zu spät ist.

Die Individualisierung der Gesellschaft hat Ende der 1960er Jahre begonnen. Damals gab es große Umbrüche in den westlichen Gesellschaften, die neben sehr vielen guten Dingen auch den Hang zur Vereinzelung und Ichbezogenheit verstärkt haben. Wir sehen heute, dass wir uns immer mehr in gesellschaftlich getrennte Gruppen zurückziehen, uns separieren, wir wissen oft gar nichts von diesen „Anderen“, teilweise wollen wir es auch gar nicht. Und wir verstehen die Angehörigen der anderen Gruppen teilweise gar nicht mehr, obwohl wir dieselbe Sprache sprechen.

Für unsere Gesellschaft heißt das: Wir müssen wieder mehr miteinander und nicht übereinander sprechen. Aufeinander zugehen, verstehen lernen, auch wenn es schwerfällt, weil wir uns so wenig mit dem Ideen anfreunden können, die nicht unseren (Wert-)Vorstellungen entsprechen. 

Wir dürfen es nicht zulassen, dass sich in der Mitte unserer Gesellschaft Menschen breitmachen, die uns einen Bären aufbinden möchten. Weil sie meinen, dass Juden – ja, mal wieder die Juden – für alles verantwortlich sein sollen. Wir müssen widersprechen, wenn Minderheiten für alles Mögliche verantwortlich gemacht werden, weil mal wieder ein Sündenbock gebraucht wird, um die eigene Angst vor der Zukunft auszugleichen.

Adolf Hitler hat latent vorhandene antisemitische Stimmungen im Dritten Reich bewusst und verantwortungslos angestachelt. Er hat die Rachegelüste gegenüber den Siegermächten des Ersten Weltkriegs geschürt. Wenn die Angst überhandnimmt, schlägt sie in Hass um. Und Hass mündet oft in Gewalt. Das sehen wir an den vielen Attentaten gerade erst in Frankreich, in Wien und letztes Jahr in Halle.

Als Gesellschaft müssen wir zusammenstehen, damit kein Hass entsteht. Wir müssen die in unsere Mitte aufnehmen, die sich von der Gesellschaft verstoßen fühlen. Wir müssen füreinander sorgen und Verständnis zeigen. Das ist das Ziel unserer Gesellschaftsform, in der auf diese Weise Gewalt kanalisiert und zivilisiert wird. Damit kein Krieg, kein bürgerkriegsähnlicher Aufstand entsteht. Damit wir in Frieden leben – mit all den zwischenmenschlichen Konflikten, die es so oder so schon gibt.

Dass das alles nicht einfach ist, wusste schon Altkanzler Willy Brandt und hat es in seiner Regierungserklärung am 28. Oktober 1969 so beschrieben:

„Wir sind frei von der Illusion, zu glauben, das Werk der Versöhnung sei leicht oder schnell zu vollenden. Es handelt sich um einen Prozess; aber es ist an der Zeit, diesen Prozess voranzubringen.“

Wir haben den Volkstrauertag zu einem Tag entwickelt, der zu Versöhnung, Verständigung und zum Frieden mahnt. Das ist gut so. Damit dürfen wir nicht nachlassen.

Der Volkstrauertag ist auch der Tag, an dem wir aller Menschen gedenken, die in vergangenen Kriegen ihr Leben verloren haben. 

Der Zweite Weltkrieg wütete sechs lange Jahre über Europa und die ganze Welt hinweg und kostete 60 Millionen Menschen das Leben. Das entspricht etwa zwei Drittel der Bevölkerung der heutigen Bundesrepublik.

Die Folgen der Kriege wirken bis zum heutigen Tage nach. Viele haben ihren Vater nie kennen gelernt, weil er vor der Geburt des Kindes im Krieg gefallen war. Insgesamt waren es mehr als vier Millionen deutsche Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben ließen oder deren Schicksal bis heute ungeklärt ist.

Wir trauern um alle Menschen, die Opfer von Kriegen, Gewalt und Terror geworden sind. Ihrer gedenken wir an diesem Tag in besonderer Weise, indem wir heute zwei Kränze niedergelegt haben.

Wir trauern mit denen, die Menschen verloren haben, die ihnen nahestanden.

Lassen Sie uns gemeinsam an einer Zukunft arbeiten, in der Gewalt, Terror und Unterdrückung keinen Platz haben. Lassen Sie uns das scheinbar Unmögliche versuchen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

am heutigen Volkstrauertag erinnern wir auch an die Millionen Opfer von Terror und Gewaltherrschaft. Und wir gedenken derer, die für ihre demokratische Überzeugung, für ihren mutigen Kampf und Widerstand, für ihre Visionen von einem Leben in Freiheit in einem demokratischen Rechtsstaat gestorben sind.

Nicht Verschweigen oder Verdrängen, sondern die Erinnerung an das Geschehene bereitet den Weg zur Versöhnung, die Erinnerung an das, was an Unheilvollem geschehen ist.

Daran sollten wir uns halten. In unserem Sinne und im Sinne aller anderen Menschen.

Frieden zu stiften und zu erhalten ist der Auftrag des Volkstrauertages.

Ich danke Ihnen!

Ihr Bürgermeister André Dora